Die britische Premierministerin May kündigt einen harten EU-Austritt ihres Landes an. Das setzt nicht nur dem Pfund zu, sondern auch dem Londoner Aktienmarkt. Der Ökonom und Regierungsberater Fuest plädiert für mehr Zeit und hofft, dass alle zur Vernunft kommen.

Der Chef des Münchner ifo-Instituts, Clemens Fuest, hat vor einem harten EU-Austritt Großbritanniens (Brexit) gewarnt und für ein Übergangsszenario geworben. «Ich hoffe, dass alle Seiten zur Vernunft kommen und es zu keinem harten Brexit kommt», sagte er der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.

Der Top-Ökonom warb für eine Übergangsphase nach dem offiziellen EU-Austritt von möglicherweise bis zu zehn Jahren, damit Großbritannien nicht plötzlich aus dem europäischen Binnenmarkt austrete und Zeit bestehe für neue Abkommen. Für die Zeit danach könnten die langfristigen Beziehungen der Briten mit der EU geklärt werden: «Das wäre der eleganteste und wohl einzig mögliche Weg.»

Damit stellt sich der ifo-Präsident gegen die bisherigen Linie von EU-Politikern, wonach Großbritannien nur Zugang zum Binnenmarkt behalten solle, wenn das Land Freizügigkeit von EU-Bürgern akzeptiere. Premierministerin Theresa May hatte einen harten Brexit angekündigt. Sie will die Zuwanderung begrenzen, womit das Vereinigte Königreich den Zugang zum EU-Binnenmarkt verlöre.

Auch der Chef des britischen Bankenverbands warnte, ein harter Brexit würde nicht nur Großbritannien, sondern auch der Wirtschaft der verbleibenden EU-Länder Schaden zufügen. «Handelsbarrieren für Finanzdienstleistungen im Ärmelkanal zu errichten, wird uns allen schaden», sagte Anthony Browne von der British Bankers‘ Association dem britischen «Observer» (Sonntag). Er rechnet damit, dass wegen des Regierungskurses in Richtung eines harten Brexits bereits vor Weihnachten erste Banken Großbritannien teilweise den Rücken kehren. «Viele kleine Banken planen, die Verlagerungen vor Weihnachten zu beginnen. Bei den größeren Banken wird damit im ersten Quartal nächsten Jahres gerechnet.»

Fuest sagte mit Blick auf den Wertverfall der Währung Pfund und des Londoner Aktienindex, die Finanzmärkte hätten klare Worte gesprochen. Der Wertverfall bedeute einen starken Wohlstandsverlust für die Briten. Jetzt gebe es in Großbritannien ein Nachdenken darüber, wie man «den Schaden begrenzen» könne.

«Eines ist klar: Wenn der Verfall des Pfundes weiter geht, wird die britische Regierung ihren Kurs nicht halten können», sagte der ifo-Chef. Schließlich sei den Briten vor dem Votum versprochen worden, sie könnten den Brexit bekommen und dabei noch Geld sparen: «Die Bewegung an den Märkten wird die britische Politik beeinflussen», meinte Fuest, der auch zum Beraterkreis des Bundesfinanzministeriums gehört.

Natürlich stünden in anderen EU-Staaten Wahlen an. Da mache sich das Bild gut, die Briten würden jetzt bestraft. «Das ist aber extrem kontraproduktiv.» Europa sei der schwache Mann der Weltwirtschaft. «Und in dieser Situation fangen wir an, uns zu streiten», kritisierte Fuest.